Zum siebten Mal fand anlässlich des Internationalen Tags des Versuchstieres am 24. April 2018 unsere Veranstaltung zum Thema „Forschung Ja – Tierversuche Nein!“ statt – mit immer wieder neuen Erkenntnissen der Wissenschaftler, die ihre faszinierenden Ergebnisse ihrer tierversuchsfreien Forschung präsentieren, und mit Politikern, die dazu Stellung nehmen sollen. Nach Begrüßung der Teilnehmer und insbesondere der anwesenden Politiker, Herrn Dr. Efler (Linke) und Dr. Taschner (Grüne) durch Moderator Volker Wieprecht (Radioeins) wurden die Organisatoren der Veranstaltung – TVB-Vorstandsmitglied Brigitte Jenner, Frank Meuser, Leiter des Hauptstadtbüros des Deutschen Tierschutzbunds und Dr. Ingolf Ebel vom Programmmanegement der Urania – zu einem kurzen Interview gebeten.

Prof. Dr. med. Stefan Hippenstiel: Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie – Charité – Universitätsmedizin Berlin
Er war der erste Gast auf dem Podium und stellte ein mit dem Tierschutzforschungspreis ausgezeichnetes menschliches Lungenkulturmodell vor, mit dem Lungenentzündungen erforscht werden sollen. Langfristig sollen aus den Untersuchungen neue Therapieansätze entstehen. Lungenentzündungen wurden bereits 400 Jahre v. Chr. beschrieben und diese Krankheit ist heute noch weltweit die dritthäufigste Todesursache. Eine erschreckende Statistik – alle 15 Sekunden stirbt daran ein Kind im Alter bis fünf Jahren. Seit 70 Jahren liegt trotz intensiver Forschung die Sterberate in Deutschland bei 13 Prozent.

Für Prof. Hippenstiel stellte sich die Frage: Nutzen wir die richtigen Forschungsmodelle und was übersehen wir? Verschiedene Tierarten bekommen Lungenentzündung, auch die Maus – aber eben durch andere Erreger als der Mensch. Sie aber ist das meist eingesetzte Forschungstier. Mäuse werden dafür krank gemacht. Von 10.000 getesteten Substanzen kommt nur eine in die klinische Anwendung. Diese Forschung dauert sehr lange, ist teuer und aufwendig – und hat zu wenig Erfolg.

Prof. Hippenstiel forscht an einem menschlichen Lungenmodell. Die Lungen aus Operationen erhält er von verschiedenen Berliner Kliniken. Er zeigte in einer faszinierenden Präsentation, wie Influenza-Viren die Lunge infizieren, wie sie in dem dreidimensionalen Gewebemodell Gewebe zerstören und die menschlichen Zellen absterben. Mit dieser Erkenntnis ist die Forschung einen großen Schritt vorangekommen.
Der Wissenschaftler machte sehr deutlich, dass hier nur eine Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern und Firmen zu einem guten Ergebnis führen kann. Gefordert sind Biotechnologie (z.B. Human on a Chip), kleine industrielle Unternehmen, die lokale Big Pharma in enger Zusammenarbeit mit den Universitäten.

Es ist gut und zielführend, dass im Dezember 2017 das Zentrum Charité 3R – replace, reduce, refine, gegründet wurde. Das kann aber auch nicht allein arbeiten, sondern ist auf die Unterstützung des Graduiertenkolleg BB3R angewiesen, das Studenten und Doktoranten an Alternativen ausbildet. Leider ist durch die nun ausgelaufene Förderung die Zukunft des BB3R ungeklärt, die Politik ist gefordert.

Prof. Hippenstiel bedauerte sehr, dass die Politik High-Tech-Alternativmethoden noch immer nicht richtig einschätzt. Wenn hier in eine Gesundheitsstadt Berlin investiert würde, wäre das ein Schritt weit über den Tierschutz hinaus. Es entstünden z.B. neue Arbeitsplätze, Patente, Publikationen – kleine Unternehmen würden gefördert. Hierdurch würden interessante positive ökonomische Aspekte für Berlin entstehen, die der Stadt Geld zuführen und Berlin wirtschaftlich und wissenschaftlich interessant machen.

PD Dr. Johann S. Ach: Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Bioethik der Universität Münster
2017 hatte Ach gemeinsam mit dem Uni-Team ein ethisches Leitbild zum Umgang mit Versuchstieren erarbeitet. Er berichtete, dass hier eine besonders ethische Verantwortung von jedem einzelnen Forscher anerkannt wird. Das bezieht sich auch auf den Umgang mit den Tieren vor und nach den Versuchen. Die Uni verpflichtet sich, Kommunikation und Transparenz zu fördern und durchzuführen. So sollen nach Anfrage auch die Tierställe besichtigt werden können.
Die Nutzung empfindungsfähiger Tieren in der Forschung und Lehre stellt eine besondere ethische Herausforderung dar, weil um ihrer selbst Willen die moralische Berücksichtigung stattfinden muss.

Erstmalig wird an einer Universität eine Belastungsobergrenze gefordert. Grundsätzlich ist ethisch nicht vertretbar, wenn vorauszusehen ist, dass starke Schmerzen, schwere Leiden oder schwere Ängste länger anhalten werden. Hierbei muss auf ein Recht und die Würde des Tieres Rücksicht genommen werden. Das geht weit über die Forderungen des Tierschutzgesetzes hinaus.
Dr. Ach tritt dafür ein, dass der Schmerz nicht so stark sein darf, dass die Lebensqualität auf einen Wert herabfällt, dass es besser ist, das Tier zu töten.

Tierversuche können nur abgeschafft werden, wenn ein Paradigmenwechsel auf verschiedenen Ebenen vorgenommen wird. Dr. Ach formulierte das Ziel der Niederländer, bis 2025 aus den gesetzlich vorgeschriebenen Tierversuchen – 26% aller Tierversuche – auszusteigen. Ob hier die Niederlande ohne die EU einen Alleingang schaffen, scheint schwierig. Ein Ausstieg aus der Grundlagenforschung und in der Ausbildung und Lehre gestaltet sich noch viel komplizierter und erfahrungsgemäß wird dazu noch sehr viel Zeit vergehen. Positiv zu sehen ist, dass hier wenigstens ein Anfang zum Ausstieg aus Tierversuchen formuliert wurde. Das fehlt in Deutschland vollkommen.

Zum Interview wurde Prof. Dr. med. Horst Spielmann (FU Berlin Institut Pharmazie) auf das Podium gebeten. Thema: Wie ist die Forschung im außereuropäischen Ausland im Verhältnis zur EU zu bewerten? Prof. Spielmann verwies auf die USA und berichtete, dass dort bereits 2007 von der Amerikanischen Akademie, der Industrie und der FDA (Food and Drug Administration) eine Forschung des 21. Jahrhunderts mit menschlichen Zellen angegangen wurde – eine Züchtung menschlicher Zellen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich. Der Weg der Zukunft ist der Multi-Organ-Chip, in dem menschliche Miniorgane eine Testung von Medikamenten und Chemikalien möglich machen. Prof. Spielmann beklagte, dass die Firma TissUse, die den Organ-Chip zusammen mit der TU in Berlin hergestellt hatte, hier nur mit 2 bis 3 Millionen Euro gefördert wurde und die USA bereits ihre Forschung mit 72 Millionen Dollar finanzierten. Obwohl der Organ-Chip der Firma TissUse z.Z. nur mit zwei oder vier Organen arbeiten kann, wird er bereits von verschiedenen Pharmafirmen benutzt.

Viele Zuschauer beteiligten sich an der Diskussion – die Zeit verging wie immer viel zu schnell. Ich denke wir alle gingen nach Hause, Neues gelernt, wieder ein stückweit Zuversicht gewonnen zu haben und in der Hoffnung, dass unsere Politiker einiges hiervon umsetzen werden.

Und schon jetzt vormerken: Unsere nächste Veranstaltung findet wieder am Internationalen Tag des Versuchstieres am 24.04.2019 in der Urania statt.

Hier der Link zum Film der Veranstaltung: https://youtu.be/nci1y4L5Voc

Brigitte Jenner



Fotos: TVB / B. Kaminski; Dr. Hetz