„Wer schön will sein, der leide Pein“ sagt die ältere Version eines bekannten Sprichworts. Natürlich bezieht es sich auf uns Menschen, die wir gemeinhin selbst entscheiden können, wie wir unser Äußeres gestalten. Doch unser Streben nach extremen Idealen macht auch vor Tieren nicht halt.

Leiden für die Niedlichkeit
Wenn unnatürliche Extrem-Zuchtziele verfolgt werden, leiden darunter Gesundheit und Wohlbefinden der betroffenen Tiere. Gerade ausgesprochene Moderassen werden überzüchtet – zum Beispiel sehr kurznasige Tiere mit runden Schädeln wie die Perserkatze oder bei den Hunden Mops, französische und englische Bulldogge, Shi-Tzu, Chihuahua, Pekinese, Boxer und andere. Die vermeintlich „putzigen“ Stupsnasen, oft verbunden mit Kieferfehlstellungen und Glupschaugen, bedeuten für die Tiere ein Leben mit ständiger Atemnot, Blindheit, Hautentzündungen und durch die extrem deformierten Schädel sogar Hirnschädigungen. Mehr dazu lesen Sie auch auf Seite 31 in unserem Tierarztratgeber.

Katzen ohne Fell
Auch bei sogenannten Rassekatzen sind die Auswüchse extrem. Zum Beispiel werden Manx-Katzen in Großbritannien gezielt auf Schwanzlosigkeit gezüchtet. Katzen benutzen ihren Schwanz für die Kommunikation und zum Ausbalancieren. Eine Katze ohne Schwanz ist schwerbehindert.
Es gibt auch nahezu haarlose Rassen wie Sphynx-, Elfen- oder Levkoy-Katzen. Manchen Exemplaren wurden zu allem Überfluss noch die dringend benötigten Schnurrhaare weggezüchtet. Fell und Schnurrhaare sind wichtige Sinnesorgane, ohne die Katzen nicht selbständig überleben können. Nacktkatzen sind hochempfindlich. Im Winter frieren sie, im Sommer leidet ihre faltige, ungeschützte Haut schnell unter Sonnenbrand. Freigang – den Katzen normalerweise so lieben – ist für diese Tiere absolut tabu.

Kanarienvögel mit Handicaps
Derzeit betreuen unsere Vogelexperten im Tierheim einen großen Schwarm sichergestellter Kanarienvögel aus tierschutzwidriger Haltung. Insgesamt 215 Piepmätze verschiedener Kanarien-Rassen tummeln sich in geräumigen Volieren. Viele der Vögel sehen seltsam aus. Manche tragen Beatle-ähnliche Haubenfrisuren, die ihre Augen verdecken. Andere sind kraus gelockt, ihre Federn stehen in alle Richtungen ab. Nicht nur ihr Äußeres, auch ihr Verhalten unterscheidet sich von dem „herkömmlicher“ Kanarienvögel. Sie sind nervöser und wirken unsicher. Kein Wunder, denn sie können oft nicht richtig sehen, weil ihr Federkleid ihnen über die Augen wächst. Die Vögel mit den Locken können zudem kaum fliegen, da Schwungfedern in gelockter Form nun mal nicht vernünftig funktionieren. Unbeholfen flattern sie herum und legen immer wieder Bruchlandungen hin. Außerhalb einer Voliere wären sie nicht überlebensfähig.

Nein zu Qualzuchten!
Dies sind nur wenige Beispiele für Qualzuchten. Wollten wir sie alle nennen, wäre dieses Heft a) monothematisch und b) doppelt so dick.
Was bleibt, ist ein dringender Appell, das Thema Qualzuchten noch mehr ins Bewusstsein von Politik und Gesellschaft zu heben und nicht nachzulassen im unermüdlichen Kampf gegen das Tierleid aus Eitelkeit.